Zahlenmäßig war das samische Volk nie groß.
Heute rechnet man mit knapp 50 000 Samen in Norwegen, Schweden,
Finnland und Russland, die sich nach mehreren Kriterien definieren,
unter anderem Sprache (Personen, die selber samisch sprechen oder
einen Elternteil haben, der samisch spricht), ethnische und kulturelle
Zugehörigkeit oder Tätigkeit in traditionellen samischen
Berufen. Ungefähr die Hälfte aller Samen wohnt in Norwegen.
Geschichtlich gehört die Sápmi-Kultur
zu den zirkumpolaren Kulturen. Davon tragen traditionelle Jagd-
und Fangtechniken, Wohnformen, Beförderungsmittel, Sprache
und Religion ihr Gepräge. Neben unverkennbaren Ähnlichkeiten
mit anderen Völkern der Polargebiete gibt es auch auffallende
Kulturunterschiede zwischen den indogenen Völkern in Grönland,
im nördlichen Sibirien und in Nordamerika.
Die erste Besiedlung
foto: Felszeichnungen in Alta (Alta Museum)
Die Besiedlung der Nordspitze Europas begann mit dem
Rückzug des Eises vor mehr als 10 000 Jahren. Nach den neuesten
archäologischen Funden und Untersuchungen lagen die ältesten
Wohnplätze Finnmarks in Slettnes auf der Insel Sørøya
und Sarnes auf der Insel Magerøya. Das lässt vermuten,
dass das Eis auf den Inseln und an den Küstenstrichen am Nordrand
Skandinaviens zuerst abtaute und dass Menschen von Osten her in
die eisfreien Gegenden vorstießen. Funde deuten auf eine recht
labile Sesshaftigkeit hin. Jede Gruppe hatte mehrere Wohnplätze,
die je nach Jahreszeit und Zugang an Nahrungsmitteln aufgesucht
bzw. verlassen wurden.
Die erste schriftliche Erwähnung von Samen findet
sich in einem Bericht des Stammeshäuptlings Ottar an König
Alfred von England 890 n. Chr. Ottar gab an, dass kein Norweger
weiter nördlich als er lebte. Er beschrieb genau seinen Wohlstand.
Einen Teil seines Reichtums verdankte er den Samen, von denen er
auch Abgaben erhob, weshalb er mit Fellen und Häuten, Daunen
und Federn und Seilen aus Wal- und Robbenhäuten Handel treiben
konnte. Ottars Wohnplatz lag vermutlich in Südtroms. Neuere
archäologische Ausgrabungen in Slettnes belegen, dass traditionelle
samische Rundhütten zu Beginn unserer Zeitrechnung in Gebrauch
kamen und dass dieses Bauverfahren in Finnmark in der ganzen Eisenzeit
üblich war. Die nächste Einwanderungswelle kam im 15.
und 16. Jahrhundert. Die fischreiche Küste und die guten Preise,
die in Europa für Dörrfisch gezahlt wurden, lockten Siedler
nach Norden. Allerdings gerieten die vom Fischfang abhängigen
Küstensamen dadurch unter zunehmenden wirtschaftlichen, religiösen
und politischen Druck. Sie waren nicht nur einem Verdrängungswettbewerb
auf den Fischgründen ausgesetzt, sondern mussten auch die Veränderungen
bewältigen, die ihnen vom Staat aus politischen Gründen
aufgezwungen wurden. Zur gleichen Zeit brach der Wildrenbestand
zusammen. Damit fiel die Jagd als eine Grundlage des Unterhaltes
weg. Die Küstensamen gaben ihre halbnomadische Lebensweise
auf und versuchten sich neben dem Fischfang in Ackerbau und Viehhaltung.
Die Bergsamen dagegen bauten große Herden halbzahmer Tiere
auf, um eine stabile Existenzgrundlage zu sichern, und entwickelten
eine vollnomadische Kultur, in der die Herde das gemeinsame Eigentum
der Familiengruppe, der Siida, war. Die Bergsamen hatten dadurch
wohl bessere Möglichkeiten, ihre Religion, Kultur und Wirtschaftsform
weiterzuführen, teils weil sie Nomaden waren, teils weil die
Gesellschaftsform der Siida ihnen keine fremde Lebensweise aufzwang.
Die Felszeichnungen am Ende des Altafjordes sind auf
Steinplatten eingeritzt, die heute 8 bis 26 Meter über der
Strandlinie liegen. Die höchstgelegenen Bilder sind am ältesten,
wahrscheinlich von 4 200 v. Chr., während die unteren um 500
v. Chr. entstanden. Außer den Felsbildern von Alta, dem größten
Fund dieser Art in Finnmark, wurden steinzeitliche Gravierungen
auch in Slettnes auf Sørøya entdeckt, die sogar 8
000 Jahre alt sind.
Die auf Stein- und Felsplatten angebrachten Darstellungen
lassen sich verschiedenen Epochen zuordnen. Abgebildet sind Strichmännchen
beiderlei Geschlechts bei der Jagd, beim Fischfang und beim Tanz.
Tiergestalten sind als Rentiere, Elche, Bären, Hunde, Hasen,
Wale und Robben erkennbar. Auch Heilbutt und Lachs sind unterscheidbar.
An Vogelarten gibt es Gänse und Enten, Möwen und Kormorane.
Rentiere treten manchmal einzeln auf, manchmal in kleinen Herden,
manche eingezäunt, während der Brunst oder beim Durchschwimmen
eines Fjordes.
Der Elch kommt in Szenen vor, die eine Treibjagd mit
Hunden zeigen; Elchkühe, die trächtig sind oder ein Kalb
haben, sind ebenfalls ein beliebtes Motiv. Bei aller Vielfalt der
Abbildungen ragt der Bär immer wieder als etwas Besonderes
heraus. Die Bilder zeigen ihn im Winterschlaf, von jagenden Menschen
verfolgt, beim Verlassen des Winterlagers mit Jungen und beim Wandern,
wobei ein Jäger ihm mit Pfeil und Bogen auflauert. Nur selten
werden andere Tiere im Rahmen solcher dramatischer Jagdszenen gestaltet.
In der Regel sind sie stilisiert wiedergegeben. Die Annahme liegt
nahe, dass der Bär eine besondere kulturelle und religiöse
Bedeutung hatte.
Die Menschen sind beim Fangen von Tieren, bei Prozessionen
und in anderen Situationen rituellen Charakters festgehalten. Auch
kopulierende und tanzende Paare sind wiedergegeben.
Die Felszeichnungen am Altafjord sind das einzige
Kulturdenkmal des samischen Siedlungsgebiets, das in die Liste des
Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde.
Jede Gruppe hatte innerhalb ihres Territoriums drei
bis vier jahreszeitabhängige Wohnplätze. Manche Gruppen
überwinterten an der Küste. Hier fingen sie je nach Witterung
und Jahreszeit Kabeljau, Köhler, Hering, Schellfisch, Leng,
Heilbutt und andere Fischarten. Auch Kleinwal- und Robbenfang waren
üblich.
Sie machten auf Vögel und Marder, Eichhörnchen,
Fuchs und andere kleine Pelztiere Jagd. Bei entsprechender Planung
und Arbeitsteilung ließen sich sogar Biber und Bär überlisten.
Im Sommer wohnten sie an fischreichen Flüssen und Seen. Im
Herbst wurden Beeren gesammelt, Kleinwild wurde bejagt und Wildrentiere
und Elche wurden in Fallgruben getrieben.
Halbnomadische Jäger und Sammler haben im Gegensatz
zu Ackerbauern und Viehzüchtern kein Bedürfnis nach privatem
Besitz von Land und Wasser. Das Territorium und seine Ressourcen
waren Gemeineigentum der Gruppe. Die Naturreichtümer waren
aber weder zeitlich noch geographisch gleichmäßig über
das Land verteilt. Lebenstüchtig und erfolgreich war also derjenige,
der sich auf dem Gebiet der Gruppe gut auskannte und wusste, wann
wo was am besten gesammelt, gepflückt, gefangen oder gejagt
werden konnte. Ein Stück Land zu besitzen war weniger erstrebenswert.
Erbrechte waren folglich auch nicht an den Boden als Grundlage einer
Ressource gebunden, sondern an Tiere und an das überlieferte
Wissen, das zur optimalen Nutzung der Naturschätze notwendig
war. So wurde mit der eigenen Existenzgrundlage zugleich die des
Clans gesichert. Ein Leben in dem rauhen Klima und der kargen Landschaft
der Arktis wäre ohne die Erfahrungen vieler Generationen und
den Respekt vor den Launen der Natur nicht möglich gewesen.
Die arktischen Völker waren nie zahlreich. Sie lebten in kleinen
Gruppen von 20 bis 30 und in fruchtbaren Gegenden vielleicht 120
bis 150 Menschen. Es gab noch keine sozialen Klassen. Herrschaft
wurde in direkter Demokratie ausgeübt, wobei jede Gruppe ihr
Oberhaupt hatte, den Siida-isit. Er war Primus inter Pares, der
die Versammlungen leitete, der Verteilung der Jagdbeute vorstand,
die Interessen seiner Gruppe den anderen Gruppen gegenüber
verteidigte, bei internen Streitigkeiten vermittelte und die Siida
nach außen vertrat. Obwohl es sicher auch schwer lösbare
Konflikte gab, wurden nie Kriege geführt.
Das Fundament der vorchristlichen Religion war eine
animistische Weltanschauung gepaart mit Schamanismus, wobei Runentrommel
und Joik, der eigenartige samische Gesang, eine zentrale Rolle spielten.
Die Natur war beseelt; Felsen, Steinblöcke, Seen konnten durch
Anbetung und Opfer bewegt werden, den Menschen zu helfen.
Naturerscheinungen wurden als Götter verehrt.
Die Sonne war das kosmische Urwesen, das seine Strahlen auf die
Welt schickte und auf diesen Strahlen Wesen trug, die im Grenzland
zwischen Menschen und höheren Mächten angesiedelt waren.
Dierpmis, der Donnergott, wurde häufig angerufen. Bieggolmmái,
der Windgott, Mánnu, der Mondgott und Áhcolmmái,
der Wassergott waren wichtige Gottheiten, weil sie Einfluss auf
die Lebensumstände der Menschen hatten. Leaibolmmái,
der Erlen- oder Blutgott und Herrscher über das Wild, genoss
ein besonders hohes Ansehen: aus der Rinde der Erle wurde die feuerrote
Farbe gewonnen, mit der die Schamanentrommel dekoriert wurde.
Bei der Schamanen- oder Runentrommel ist das Trommelfell aus Rentierhaut
über ein kräftiges Oval oder eine ovale Holzschale mit
zwei oder mehr länglichen Löchern, die als Handgriffe
dienten, gespannt. Oft ist in der Mitte des Trommelfells eine rautenförmige
Sonne mit vier Strahlen aufgezeichnet. Im oberen Teil sind die herrschenden
Götter abgebildet, im unteren Menschen und ihre Behausungen,
Rentiere, Vögel und Wild. Oben links ist der Ahnenberg Sáivu
zu sehen, in dem die Verstorbenen ein angenehmes Dasein verbringen.
Den Symbolen der Trommel nach zu urteilen lebten Götter, Menschen
und die Verstorbenen zeitgleich auf verschiedenen Ebenen. Mit Hilfe
der Trommel konnte sich der Schamane in Trance versetzen und in
diesem Zustand die Wirklichkeiten der anderen Ebenen aufsuchen.
Wenn wichtige Beschlüsse anstanden oder Kranke die Seelsorge
ihrer Vorfahren brauchten, mussten Auskünfte und Anleitungen
in anderen Daseinsformen eingeholt werden. Der Schamane, auf Samisch
Noaide, unternahm diese Reise als Vertreter der Gruppe, nicht um
selber klüger zu werden, sondern als Bote zwischen den Welten.
Wenn er sein Ohr an die Trommel legte oder den Bewegungen des Hämmerchens
folgte, mit dem er das Instrument bearbeitete, konnte er die Zukunft
voraussagen. Als Hämmerchen, Árpa, diente ein Lot aus
Messing oder ein Stück Horn aus dem Augspross des Geweihs eines
brünstigen Renochsen. Das Trommeln diente auch praktischen
Kommunikationszwecken bei der Jagd, beim Tierfang, beim Hüten
oder zur Orientierung beim Zug der Herde. Den Göttern wurden
an Felsvorsprüngen oder an Findlingsblöcken, die sich
von der Landschaft abhoben, Opfer gebracht. Solche Stellen hießen
Sieidi. Es gibt sie in ganz Finnmark. Geopfert wurde auch in Grotten
und Berghöhlen, auf Felsvorsprüngen, unterhalb von Berggipfeln
und an Seen. Die Gaben für die Sonne bestanden aus Knochen
und Geweihen weißer Rentiere. Manchmal wurden auch Tiere geschlachtet.
Um den Donnergott geneigt zu stimmen, musste in schwierigen Fällen
ein ganzer Renochse gespendet werden, der so tief in die Erde vergraben
wurde, dass nur noch die prächtige Geweihkrone heraus ragte.
Die anderen Naturgötter erhielten Knochen und Geweihe, oder
die Sieidi wurden mit Fischfett eingeschmiert oder mit Blut besprengt.
Es war wichtig, sich die Gunst der Götter zu erwirken. Viele
Vorkehrungen waren notwendig, um Schutz für sich und die Familie
und Glück und Erfolg im Leben zu erhalten.
foto: Steinblock mit magischen Kräften (Britt Kramvig)
Zwei böse Gestalten tauchen in vielen Erzählungen
auf: Stállo und Tschude. Der Stállo erscheint in verschiedenen
Varianten. Manchmal erinnert er an die Steuereintreiber der altnordischen
Sagen, manchmal an einen hinterhältigen Riesen, der einen Samen
zum Ringkampf herausfordert. Der Stállo kann sich auch in
Knecht Ruprecht verwandeln, der am Heiligen Abend mit einem Renochsen
und einem Gefolge von Mäusen und Lemmingen herumzieht. Tschuden
sind Räuber, die die Samen überfallen. Viele Märchen
der Finnmark handeln davon, wie Tschuden auf einem Raubzug überlistet
und in den Tod gelockt werden. Stállo und die Tschude waren
"Fremde", Umhertreibende in Lappland, und die Erzählungen
waren vielleicht der Versuch, die Erfahrungen weiterzugeben, die
die Samen mit Eindringlingen hatten. In anderen Erzählungen
machen wir die Bekanntschaft übernatürlicher Wesen: die
Seelen verlassener Kinder, Riesen, Elfen, Kobolde, Geister, Ungeheuer.
Zauberpfeile und Glücksfedern helfen dem Helden, wenn er nur
zu beobachten und zu lauschen weiß.
Alle diese Erscheinungen entstammen dem Grenzbereich
zwischen Natur und Kultur, Mensch und Tier. Sie sind der Kern einer
lebenden Erzähltradition, die seit Generationen die Kinder
mit wonnevollen Schauern erfüllt.
Der Joik hatte früher eine Doppelfunktion. Zum
einen war und ist er die oral tradierte Musikfolklore der Samen.
Besungen werden Menschen, Tiere und Landschaften. Dabei steht der
melodisch-rhythmische Vortrag im Vordergrund; der Text ist wortarm
und von untergeordneter Bedeutung. Wichtig ist die Stimmung,
die durch Melodie und Takt erzeugt wird und ein Bild der Person,
des Tieres oder des Ortes, die Gegenstand des Joiks sind, hervorruft.
Zum andern war der Joik in der vorchristlichen Religion ein wesentlicher
Bestandteil der zeremoniellen Kulthandlungen. Dabei wurde die orale
Vorführung durch rhythmische Begleitung auf der Schamanentrommel
ergänzt. Wegen dieser Doppelfunktion wird der Joik in samisch-pietistischen
Kreisen noch heute als sündig und unvereinbar mit dem christlichen
Glauben aufgefasst.
Als im 17. Jahrhundert Missionare nach Lappland kamen,
wurde das Joiken als Symbol vorchristlicher Religionsausübung
verboten. Gesetzesbrechern drohten strenge Strafen. So verlor der
Joik schließlich seine Funktion als Kommunikationsfaktor gruppengebundenen
Lebens (Brauchtum, Feste usw.). Wo die Musikform im privaten Bereich
überlebte, waren die Ausübenden vorsichtig, um die weltliche
und geistliche Obrigkeit nicht zu provozieren. Obwohl die samische
Volksmusik eine Renaissance erlebt hat und gute Joiker heute ein
hohes Ansehen genießen, ist der Abstand zu Verurteilung und
Unterdrückung der Vergangenheit noch nicht groß.
Die Melodie eines Joiks ist einfach mit Quart- und
Quintsprüngen auf einer fünfstufigen Tonleiter. Die vielen
Gleittöne sind meistens fallend. Wo der Anfangston wiederholt
wird, folgen gern doppelte Gleittöne zur Subdominante, wonach
der Ausgangston des Auftaktes aufgegriffen wird. Auch Oktavsprünge
kommen vor. Es gibt Beispiele, wo die fallenden Gleittöne mit
Zwischentönen kombiniert werden und diese zu Melodietönen
machen mit dem Ergebnis, dass die Melodie mehr als fünf Tonstufen
hat und damit eher unserem Harmoniegefühl entspricht. Der Rhythmus
ist immer wichtig. Er erhält seine Spannung entweder durch
die unterschiedliche Länge der festen Ruhetöne, was einen
Wechsel von 5/8 und 7/8 Takten ergibt, oder durch das Zusammenziehen
von 2/4- zu 2/8-Takten, wodurch das Tempo beschleunigt wird.
foto: "Skaller" aus Rentierfell für
den Winter (Michal Aase)
Mit Duodji bezeichnen die Samen ihr Kunsthandwerk.
Aus lokalen Naturmaterialien werden Kleidungsstücke, Küchengeräte,
Werkzeuge, Beförderungsmittel und Gegenstände mit rein
ästhetischen Funktionen hergestellt. So widerspiegelt der Begriff
Duodji naturgeografische, ökologische und wirtschaftliche Verhältnisse
Lapplands. Typische Werkstoffe sind Holz, besonders Birke, bei der
auch Rinde und Wurzeln verwendet werden, Horn, Knochen und Häute,
besonders vom Rentier, aber auch vom Elch, Fell und Wolle vom Schaf,
Häute von Rind und Meeressäugern. Außerdem sind
Glasperlen, Textilien aus Naturstoffen und heute auch Kunststoffe
in die Duodji-Erzeugung integriert.
Einer der bedeutendsten Vertreter samischer bildender
Kunst und Bildhauerei ist Iver Jåks (*1932 in Karasjok). Der
hervorragende Grafiker hat auch eine Reihe von Büchern illustriert.
Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in Oslo und Kopenhagen,
und zweimal erhielt er das dreijährige Arbeitsstipendium, das
der Staat an begabte Künstler vergibt. Er hatte schon eine
Vielzahl von Ausstellungen in bekannten Galerien Skandinaviens und
Europas. Er ist mit Werken in der Nationalgalerie und in der Reichsgalerie
vertreten. Arbeiten von ihm sind auch in Karasjok und in Tromsø
zu sehen.
Nils Aslak Valkeapää (*1943 in Karesuando)
ist nicht nur der Nestor des traditionellen Joiks, sondern auch
ein Wegbereiter neuer Entwicklungsrichtungen dieser alten Musikform.
Der vielseitige Künstler hat mehrere Gedichtsammlungen herausgegeben.
1990 wurde sein Epos "Die Sonne, mein Vater" mit dem Literaturpreis
des Nordischen Rats geehrt.
Die Volksmusiksängerin Mari Boine (*1960 in Karasjok)
beschäftigt sich wie Valkeapää mit der Integration
neuer musikalischer Ausdrucksformen in das samische Tonbild. Boine
holt sich Anregungen u.a. in den Instrumenten und Liedern anderer
Urvölker der Welt. Sie hat eine ganze Reihe Platten herausgegeben.
Das samische Theater Beaivvá_ hat seine feste
Bühne in Kautokeino. Nach mehreren Jahren versuchsweisen Betriebs
wird das Theater seit 1990 wie die regionalen Theater öffentlich
gefördert. Im März 1993 beschloss das Storting, das Beaivvás
in den Stand einer nationalen Kultureinrichtung zu erheben und den
drei großen Schauspielhäusern Norwegens, Nationalteatret
und Norske Teater in Oslo und Nasjonale Scene in Bergen, gleichzustellen.
Samisch gehört zur finnisch-ugrischen Sprachgruppe
wie u.a. Ungarisch, Finnisch, Mordwinisch, Syrjenisch und Estnisch.
Man unterscheidet drei Hauptdialekte, Süd-, Nord- und Ostsamisch.
Das Samische kennt je nach Dialekt sechs bis neun
Kasus. Das Samische hat viele Wortbildungsendungen, so dass aus
ein und demselben Wortstamm neue Wörter in großer Zahl
gebildet werden können. Aus Verben können neue Verben,
Substantive und Adjektive abgeleitet werden. Samisch ist eine typisch
agglutinierende Sprache, bei der man Affixe an den Wortstamm anfügen
kann. Im Gegensatz zu den skandinavischen Sprachen spielen die morphologischen
Ausdrucksmittel (in erster Linie die Kasus) eine viel größere
Rolle als die syntaktischen (Reihenfolge der Wörter und Stellung
der Satzglieder) des Schwedischen und Norwegischen. Das samische
Sprachgebiet ist insofern einheitlich, als der Dialekt der Nachbargruppe
verständlich ist.
Nachdem staatlicherseits die rücksichtslose Assimilierungspolitik
der Nachkriegszeit aufgegeben wurde, hat das Samische in den vergangenen
10 bis 20 Jahren eine neue Blüte erlebt. Seit 1967 werden Schulanfänger
in samischen Gemeinden auf Samisch unterrichtet. Seit Anfang der
Siebziger gibt es an den norwegischen weiterführenden Schulen
in Karasjok und Kautokeino Klassen, die ihren Unterricht auf Samisch
erhalten. Norwegen und Finnland schufen 1990 die gesetzliche Grundlage
für die Gleichstellung des Samischen mit der jeweiligen offiziellen
Landessprache und das Recht aller Bürger auf Samisch als Unterrichtssprache.
Trotzdem wird noch viel Zeit vergehen, bis die Rechte auch Realität
sind.
Im 16. Jahrhundert geriet die Nordkalotte ins Blickfeld
der rivalisierenden Großmächte Nordeuropas. Dänemark-Norwegen
hatte die Herrschaft über die Küste und wollte sich die
Einnahmen aus der Besteuerung der internationalen Seefahrt nach
Russland sichern. Schweden-Finnland und Russland dehnten ihre Tätigkeiten
auf der Nordkalotte nach Norden und Westen aus. Um sich für
die Verhandlungen über den Grenzverlauf zwischen Norwegen,
Finnland und Russland in Stellung zu bringen und Ansprüche
zu untermauern, wurden von allen drei Seiten Kirchen und Missionsstationen
gebaut und Steuern erhoben. Das hatte für die Samen die Folge,
dass sie zeitweise an alle drei Staaten gleichzeitig Steuern abführen
mussten.
1848 hielt das Storting die Zeit für einen Vorstoß
zur Norwegisierung insbesondere der Lappensiedlungen an der Küste
für gekommen. Die Volksvertreter forderten die Regierung auf
zu untersuchen, inwiefern es Möglichkeiten gebe, den Eingeborenen
Bildung in Form von Unterweisung im Norwegischen zuteil werden zu
lassen. Eine Zeitung sah darin den "Anfang eines neuen Systems",
den ersten Schritt zur Integration der Samen in nationalstaatliche
Ziele. Die damit verbundenen Übergriffe gegen die Ureinwohner
wurden mit darwinistisch beeinflussten Vorstellungen von einer Rangordnung
der verschiedenen Volksgruppen legitimiert.
Die Norwegisierungsbemühungen der 1860er und
70er Jahre hatten nicht den erwarteten Erfolg. "Mit der jetzigen
Ordnung ist es der Volksschule unter den gegebenen Umständen
nicht möglich, zur Norwegisierung der fremden Volksgruppen
einen wesentlichen Beitrag zu leisten, wie es ihre Aufgabe ist."
So lautete die Einschätzung eines hohen Beamten nach einer
Visitationsreise in Finnmark und Troms im Jahre 1877. Die hier wiedergegebene
Weisung an die Schulen war fast hundert Jahre lang bis in die sechziger
Jahre gültige, auf Assimilierung abzielende Politik, und die
Schule war ihr Angelpunkt.
Weil die Samen weit verstreut lebten und ihre Kinder
unregelmäßig zum Unterricht schickten, wurden Internate
gebaut. In der Internatsschule gab es nur noch krankheitsbedingte
Abwesenheit. Altershomogene Klassen wurden gebildet, die Schüler
mussten Hausaufgaben machen, im Unterricht konnte mehr verlangt
und mehr geleistet werden. Das Personal hatte die Kinder Tag und
Nacht unter Aufsicht und passte auf, dass sie auch in der Freizeit
ausschließlich norwegisch sprachen. Endlich gelang "schon
im Kindesalter die innige Annäherung und kulturelle Vereinigung",
wie es hieß.
Die Herausbildung eines "Geisteslebens"
auf der Grundlage samischer Kultur und Sprache galt als aussichtslos,
da "die ganze Eigenart und Begabung dieses Volks nicht in diese
Richtung weisen."
1947 fand ein Samentag in Trondheim statt und ein
Jahr später in Tromsø. Dann war die Gründung des
Landesverbands norwegischer Rentiersamen beschlossene Sache.
Viele Samen leben von der Rentierzucht. Nicht
nur die Rahmenbedingungen dieser Lebensgrundlage haben sich in der
Zeit nach dem letzten Weltkrieg vollständig geändert,
sondern im Zuge der zunehmenden Mechanisierung auch die Wirtschaftsform.
Seit 20 bis 30 Jahren bemühen sich staatliche und samische
Organe um die Entwicklung einer modernen, nachhaltigen Rentierwirtschaft.
Dabei hat der Bau von Schlachthöfen zu einem geregelten Handel
und zur Schaffung eines Marktes für rentierwirtschaftliche
Produkte beigetragen. Der Fleischpreis wurde stabiler und die Nachfrage
berechenbarer. Der Tauschhandel verlor seine Bedeutung. Stattdessen
wurde Geld das bei Geschäften mit der Umwelt praktische Äquivalent.
Die bis zum Zweiten Weltkrieg noch übliche Naturalwirtschaft
fundierte auf den persönlichen Beziehungen, die jeder Rentierhalter
zu sesshaften Samen unterhielt. Das war für beide Seiten von
Vorteil. Der Rentierbesitzer konnte bei seinem Bekannten oder Verwandten
über kürzere oder längere Zeit wohnen und Fleisch
gegen Fisch oder andere Naturalien tauschen. Die sesshaften Samen
zähmten Rentiere, um sich ihre Arbeitskraft nutzbar zu machen,
besorgten Holz, vermittelten Schlitten-, Saumzeug- und Gerätewünsche.
Durch den Verkauf von Fleisch oder lebenden Tieren beschafften sich
die Rentierhalter das u.a. für die Steuerzahlungen notwendige
Bargeld.
Dabei war die alte extensive Wirtschaftsform auf die
Produktion für den Eigenbedarf ausgerichtet. Die Herde jeder
Familie war in der Regel nicht größer, als zur Deckung
der Bedürfnisse ihrer Besitzer notwendig war. Diese Lebensweise
kostete sehr viel Arbeit und erforderte den Einsatz jedes Familienmitglieds.
Erst im Gefolge der Geldwirtschaft machten größere Viehherden
einen Sinn.
In der modernen Verbrauchergesellschaft ist die Rentierhaltung
ohne technische Hilfsmittel oder ein Leben ohne übliche Verbrauchsartikel
nicht mehr denkbar. Das heißt umgekehrt, dass die Rentierzucht
wie alle andere Warenproduktion zum Zweck des Verkaufs betrieben
wird. Um ein einigermaßen stabiles Einkommen sicherzustellen,
wird daneben oft eine kleine Landwirtschaft unterhalten, die mit
alten Formen der Jagd- und Fangwirtschaft ergänzt wird: im
Winter Fang von Schneehühnern, im Frühling Jagd auf Enten,
im Sommer und Herbst Ernte von Beeren und Flechten und Fischfang
in den Flüssen und Seen. In vielen Fällen ist noch eine
zusätzliche Lohnarbeit notwendig.
Die Samen und die internationale Zusammenarbeit der Urvölker
Der Weltrat der Urvölker, World Council of Indigenous
Peoples (WCIP), wurde im Oktober l975 in Port Alberni in Kanada
mit dem Ziel gegründet, ethnische Minderheiten zu einer weltumspannenden
Bewegung für die Rechte der Ureinwohner zusammenzuschließen.
Der Gründung war 1973 ein Kongress in Kopenhagen vorausgegangen,
der Vertreter der Urvölker Nordeuropas (Arctic Peoples Conferance),
Kanadas und Grönlands sammelte. Samen nahmen als Abgesandte
des Nordischen Rates teil. Eine Resolution wurde verabschiedet,
in der alle betroffenen Staaten aufgefordert wurden, das gemeinschaftliche
Eigentumsrecht der Ureinwohner an Land und Gewässer in den
Gebieten, die seit undenkbaren Zeiten von ihnen allein bewohnt und
genutzt worden sind, und ihr Recht, in eigenen Angelegenheiten selber
zu bestimmen und eigene Möglichkeiten zu realisieren, anzuerkennen.
Der Initiator des WCIP war der kanadischen Indianerverband
National Indian Brotherhood of Canada (NIB) unter der Führung
von George Manuel, Häuptling der Shuswap aus Britisch-Kolumbien.
An der Gründungsveranstaltung im Oktober 1975 nahmen mehrere
der großen Indianerverbände Amerikas teil: National Congress
of American Indians (USA), Centro Indigena (Guatemala), Minkà
(Bolivien), Unidad Indigena (Kolumbien), Asociacion Indigena (Argentinien),
Ecuatorina de Indios (Ecuador) und Confederacion Nacional Agraria
(Peru). Aus Neuseeland kamen Vertreter des Maori Council, aus Grönland
der Greenlanders Association und aus den fennoskandischen Ländern
des Nordischen Samenrats.
Vertreten waren auch die Ureinwohner Australiens,
Hawaiis, Paraguays, Venezuelas, Mexikos, Panamas und Nicaraguas,
insgesamt 19 Länder. Brasilien und Chile fehlten. Ihre Abgesandten
hatten keine Ausreiseerlaubnis erhalten.
Zu den Aufgaben des Weltrats gehören die Erfassung
und Veröffentlichung von Material zur die Diskriminierung und
Unterdrückung indogener Völker. Er versteht sich als Sprachrohr
der eingeborenen und in Stämmen lebenden Völker, die in
ihren Staaten eine ethnische Minderheit ohne politische Macht und
ohne Selbstbestimmungsrecht bilden und deren Lebensgrundlage und
Kultur wegen der politischen und wirtschaftlichen Expansion der
Gesellschaft, in der sie leben, gefährdet sind. Die internationale
Organisation will eine weltweite Bewegung zum Schutz der Ureinwohner
schaffen. Als eines der wichtigsten Instrumente sieht hier der Rat
das Verfügungsrecht im altangestammten Lebensraum, da die Ureinwohner
ihre Lebensgrundlage und ihre ethnische Identität verlieren,
wenn ihre Gebiete für Erdölbohrungen, Bergwerke und Stromerzeugung
erschlossen werden. Die nationalen Behörden stellen diese Eingriffe
stets als innenpolitische Angelegenheiten dar.
Der Konflikt um den Staudamm im Alta-Kautokeino-Fluss
Die Einrichtung des Sametings in Norwegen 1989 war
das Ergebnis des langen und zähen Widerstandes gegen den Staudammbau
im Alta-Kautokeino-Fluss. Die Auseinandersetzungen begannen Ende
der 70er Jahre und kulminierten Anfang der 80er Jahre. Die Alta-Aktion
vereinte zwei Strömungen internationalen Charakters, was der
Initiative eine ungewöhnliche Stärke verlieh: Natur- und
Umweltschutzinteressen, die gegen eine verschwenderische Energiepolitik
gerichtet waren, im Bund mit dem weltweit erwachenden Selbstbewusstsein
indogener Völker und ethnischer Minderheiten.
In den marginalen arktischen Gebieten können
selbst geringfügige Eingriffe in Wasserlaufsysteme nicht wieder
gut zu machende Schäden, Klimaänderungen und Beeinträchtigungen
der Tier- und Pflanzenwelt verursachen und dadurch negative Folgen
für die Landwirtschaft und Rentierzucht, den Lachsbestand und
den Fischfang im Fjord herbeiführen.
Von samischer Seite wurde gegen die scheibchenweisen
Eingriffe in Natur und Landschaft ihres Lebensraums und wegen der
Auswirkungen auf die Rentierhaltung protestiert. 1980 war von den
2800 Einwohnern Kautokeinos ein Drittel in der Rentierwirtschaft
tätig. Die von dem Staudammprojekt berührten fünf
Weidebezirke und 300 Menschen forderten vergebens Schadensersatz.
Den schutzwürdigen Objekten der Kultur und Botanik im Einzugsgebiet
des Stausees maßen die staatlichen Organe ebenfalls keine
Bedeutung bei. In einer Reihe von Aktionen, darunter zwei Hungerstreiks,
wurde versucht, den Fluss zu retten. Im Januar 1981 schickte die
Regierung große Polizeieinheiten, um die vor den Baumaschinen
sitzenden Demonstranten wegzuschaffen. Der Staudamm wurde unter
Polizeischutz gebaut und das Kraftwerk im Mai 1987 in Betrieb genommen.
Im Kielwasser der aufreibenden Proteste und Zusammenstöße
setzte der Staat mehrere Ausschüsse ein, um die verfassungsmäßige
und rechtliche Stellung der Samen festzustellen. Es ging u.a. um
ihren Status als indigenes Volk Norwegens, um die Einrichtung eines
Sameparlaments und um das Recht der Samen an Land und Gewässern.
Im Ergebnis wurden mehrere Berichte vorgelegt, und weitere werden
nachfolgen. Die Auseinandersetzungen um den Alta-Kautokeino-Fluss
brachten die überfällige Revision der ILO-Konvention über
indigene Völker in Gang, die dann in Genf 1989 verabschiedet
wurde.
ILO-Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker
Das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation
ILO, 1989 in Genf angenommen, definiert den Begriff "indogene
Völker" folgendermaßen:
"Völker
in unabhängigen Ländern, die als Eingeborene gelten, weil
sie von Bevölkerungsgruppen abstammen, die in dem Land oder
in einem geographischen Gebiet, zu dem das Land gehört, zur
Zeit der Eroberung oder Kolonisierung oder der Festlegung der gegenwärtigen
Staatsgrenzen ansässig waren und die, unbeschadet ihrer Rechtsstellung,
einige oder alle ihrer traditionellen sozialen, wirtschaftlichen,
kulturellen und politischen Einrichtungen beibehalten." Norwegen
war das erste Land, das die Konvention ratifizierte. Das war im
Juni 1990. Schon zwei Jahre davor hatte das Storting im April 1988
folgenden Zusatz zum Grundgesetz beschlossen:
"Es
ist die Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass das samische
Volk seine Sprache, seine Kultur und sein soziales Gefüge bewahren
und entwickeln kann."
foto: Das Gebäude des norwegischen Sametings (Michal Aase)
Das Sameting wurde nach Maßgabe des Gesetzes
von 1987 "Über das Sameting und andere samische Rechtsverhältnisse"
mit dem Auftrag gebildet, dafür zu sorgen, dass das samische
Volk "seine Sprache, seine Kultur und sein soziales Gefüge
bewahren und entwickeln kann." Das repräsentative Organ, landesweit
von den Samen in direkter Wahl gewählt, behandelt alle
Sachen, die nach Auffassung des Tings die samische Volksgruppe besonders
berühren." Die Wahlen finden zugleich mit den Stortingswahlen
statt. Die Legislaturperiode fängt am 1. Oktober des Wahljahres
an und dauert vier Jahre. 39 Abgeordnete werden aus den 13 Wahlkreisen
entsandt.
18 Sitze sind den sechs Wahlkreisen des Fylkes Finnmark
vorbehalten. 9 Sitze gehen an drei Wahlkreise in Troms, während
die restlichen Sitze von den südsamischen Gebieten und den
nach Südnorwegen umgezogenen Samen beansprucht werden.
Wer in die Wählerliste eingetragen werden will,
muss erklären, dass er/sie sich als Same auffasst, selber Samisch
spricht oder einen Eltern-, Großeltern- oder Urgroßelternteil
hat, der Samisch als Muttersprache spricht.